Nürnberg schreibt Geschichte: Schriftsteller, Selbstbild und Schönheit im Wandel

Nürnbergs Literaturgeschichte trägt vor allem einen Namen: Hans Sachs (1494 bis 1576), Schuhmachermeister und Meistersinger, dessen Verse Richard Wagner später in seine Oper übernahm. Um ihn herum steht eine ganze Reihe: der Humanist Konrad Celtis, der Nürnberg 1502 in einer der frühesten humanistischen Stadtbeschreibungen Deutschlands porträtierte; Georg Philipp Harsdörffer und Johann Klaj, die 1644 den Pegnesischen Blumenorden gründeten; der Arbeiterdichter Karl Bröger; der Exilautor Hermann Kesten; und der Mundartdichter Fitzgerald Kusz. Friedrich Rückert (1788 bis 1866) lehrte im benachbarten Erlangen und brachte die Poesie des Orients ins Deutsche.

Warum eine Praxis für plastische Chirurgie diese Namen sammelt? Weil Literatur immer auch vom Körper erzählt: vom Gesicht als Ausdruck, vom Altern, vom Selbstbild. Wer täglich mit Menschen über ihr Aussehen spricht, findet in diesen Texten erstaunlich viel wieder.

„Literatur liest den Menschen. Ästhetische Medizin beginnt genauso: mit Zuhören, nicht mit dem Skalpell.“

Wer war Hans Sachs, der Schuhmacher und Meistersinger?

Hans Sachs wurde 1494 in Nürnberg geboren, ging auf Wanderschaft und ließ sich 1516 wieder in seiner Heimatstadt nieder. Ab 1520 war er Schuhmachermeister und Mitglied der Nürnberger Meistersinger. Sein Werk umfasst rund 6.000 Texte: mehrere tausend Meisterlieder, etwa 1.900 Spruchgedichte sowie über 200 Tragödien, Komödien und Fastnachtspiele.

Bekannt machte ihn 1523 die Verserzählung „Die Wittenbergisch Nachtigall“, mit der er sich auf die Seite der Reformation stellte. Allein im Erscheinungsjahr kamen sieben Ausgaben heraus. Die Anfangszeilen („Wach auf, es nahet gen den Tag“) verwendete Richard Wagner 1868 im dritten Aufzug seiner Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, in der Sachs zur Hauptfigur wird.

Interessant ist, wie nah Sachs am Körper schreibt. Seine Fastnachtspiele leben von Gesichtern, Gesten, Gebrechen und Eitelkeiten. Er beschreibt Menschen nicht als Ideale, sondern als das, was sie sind: widersprüchlich, alternd, um ihr Ansehen bemüht. Das Selbstbild der Renaissancezeit lässt sich bei ihm besser nachlesen als in mancher Abhandlung.

Friedrich Rückert: Wie die Poesie des Orients nach Franken kam

Friedrich Rückert wurde 1788 in Schweinfurt geboren. Von 1826 bis 1841 war er Professor für orientalische Sprachen an der Universität Erlangen, also direkt vor den Toren Nürnbergs, bevor er nach Berlin berufen wurde. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er auf dem Gut Neuses bei Coburg, wo er 1866 starb.

Rückert war Dichter und Übersetzer zugleich. Er übertrug die Makamen des al-Hariri, arbeitete an einer Koranübersetzung und machte persische und arabische Dichtung im deutschen Sprachraum lesbar. Zu seinen eigenen Werken zählen „Östliche Rosen“ (1822), der Liebeszyklus „Liebesfrühling“ (1844) und das sechsbändige „Die Weisheit des Brahmanen“ (1836 bis 1839). Die „Kindertotenlieder“, 1833 und 1834 nach dem Tod zweier seiner Kinder entstanden, erschienen erst posthum; Gustav Mahler vertonte fünf davon.

Für das Thema Schönheit ist Rückert deshalb so ergiebig, weil er zwei Bildsprachen nebeneinanderlegt. Die westliche Tradition beschreibt Schönheit über Maß, Linie und Proportion. Die orientalische Dichtung, die er übersetzte, arbeitet mit Andeutung, Licht und Bewegung. Schönheit ist also kulturell geformt, nicht messbar. Diese Einsicht ist in der ästhetischen Medizin brauchbarer als jede Schablone.

Der Pegnesische Blumenorden: Nürnbergs Dichterkreis seit 1644

1644 gründeten der Nürnberger Jurist und Schriftsteller Georg Philipp Harsdörffer (1607 bis 1658) und der Theologiestudent Johann Klaj den Pegnesischen Blumenorden, eine Sprach- und Literaturgesellschaft zur Pflege des Deutschen und der barocken Schäferdichtung. Der Anlass war eine Doppelhochzeit, für die beide Hochzeitsgedichte schreiben sollten. Die Mitglieder nannten sich Pegnitzschäfer, nach dem Fluss, an dessen Ufer sie sich trafen.

Die Gesellschaft besteht bis heute fort. Ihr Versammlungsort ist der Irrhain im Kraftshofer Forst im Norden Nürnbergs, ein Waldgarten, den Pfarrer Martin Limburger ab 1676 als „sprechenden Garten“ anlegte. Wer ihn besucht, steht in einer literarischen Landschaft, die man tatsächlich betreten kann.

Von Harsdörffer stammt außerdem ein Buchtitel, der als Redewendung überlebt hat: Sein „Poetischer Trichter“ von 1647 versprach, die deutsche Dicht- und Reimkunst „in VI Stunden einzugießen“. Daraus wurde der Nürnberger Trichter.

Nürnberg als Stadt des gedruckten Wortes

Literatur braucht Druckerpressen, und die standen in Nürnberg. Der Humanist Konrad Celtis gehörte seit 1491 zum Nürnberger Gelehrtenkreis und legte 1502 die „Norimberga“ vor, eine lateinische Beschreibung von Ursprung, Lage und Einrichtungen der Stadt. Sie war als Teil seiner geplanten „Germania illustrata“ gedacht und blieb der einzige fertiggestellte Abschnitt.

1493 erschien bei dem Nürnberger Drucker Anton Koberger die Schedelsche Weltchronik des Arztes und Humanisten Hartmann Schedel, in einer lateinischen und einer deutschen Fassung. Die Holzschnitte kamen aus der Werkstatt von Michael Wolgemut und Wilhelm Pleydenwurff, in der auch der junge Albrecht Dürer lernte. Text und Bild entstanden hier im selben Haus, was für die Zeit bemerkenswert ist.

Auch die Bücher selbst blieben in der Stadt: Die Nürnberger Ratsbibliothek ist bereits 1370 belegt und bildet den Grundstock der heutigen Stadtbibliothek im Bildungscampus am Gewerbemuseumsplatz.

Von Karl Bröger bis Fitzgerald Kusz: Nürnbergs Literatur im 20. Jahrhundert

Karl Bröger (1886 bis 1944) wuchs im Nürnberger Stadtteil Wöhrd als Sohn eines Schuhmachers auf, arbeitete als Bauarbeiter und Fabrikarbeiter und wurde später Redakteur der „Fränkischen Tagespost“. Als Arbeiterdichter der Weimarer Republik und Sozialdemokrat war er 1933 kurzzeitig im Konzentrationslager Dachau inhaftiert.

Hermann Kesten (1900 bis 1996) wuchs in Nürnberg auf, emigrierte 1933 nach Frankreich und floh 1940 in die USA, wo er im Emergency Rescue Committee mithalf, deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus Europa herauszuholen. Von 1972 bis 1976 war er Präsident des PEN-Zentrums Deutschland. Der Hermann-Kesten-Preis erinnert bis heute an ihn und wird für den Einsatz für verfolgte Schriftsteller vergeben.

Und dann ist da Fitzgerald Kusz, geboren 1944, der dem Fränkischen eine Bühne gab. Sein Stück „Schweig, Bub!“ wurde am 6. Oktober 1976 an den Nürnberger Kammerspielen uraufgeführt, eine Konfirmationsfeier, die zur Abrechnung mit dem Kleinbürgertum wird. Über 700 Aufführungen folgten, dazu Übertragungen in andere Dialekte.

Wo Du Nürnbergs Literaturgeschichte heute sehen kannst

  • Hans-Sachs-Platz: Das Hans-Sachs-Denkmal von Johann Konrad Krausser wurde 1874 auf dem damaligen Spitalplatz enthüllt, der seither den Namen des Dichters trägt.
  • Ehekarussell am Weißen Turm: Der Brunnen von Jürgen Weber, 1984 aufgestellt, folgt Sachs‘ Gedicht „Das bittersüß eh’lich Leben“ und zeigt eine Ehe vom Verliebtsein bis zum Sterbebett. Die Skulptur schaut dabei unerschrocken auf alternde Körper.
  • Johannisfriedhof: Hier liegt Hans Sachs begraben, wie auch Albrecht Dürer und der Bildhauer Veit Stoß.
  • Irrhain im Kraftshofer Forst: Treffpunkt des Pegnesischen Blumenordens seit dem 17. Jahrhundert.
  • Stadtbibliothek im Bildungscampus, Gewerbemuseumsplatz: Nachfolgerin der 1370 belegten Ratsbibliothek, mit historischen Altbeständen.
  • Literaturhaus Nürnberg, Luitpoldstraße 6: seit Dezember 2003 Ort für Lesungen und Werkstattgespräche, wenige Gehminuten vom Kornmarkt entfernt.

Das Gesicht als Gedicht, der Körper als Text

Ein Motiv zieht sich durch alle diese Autoren: das Gesicht. Bei Hans Sachs ist die Mimik der Beleg für den inneren Zustand einer Figur. Bei Rückert wird das Antlitz zum Fenster in eine tiefere Wirklichkeit. Bei Kusz verrät ein fränkischer Halbsatz mehr über eine Familie als jede Beschreibung.

In der ästhetischen Medizin arbeiten wir am selben Ort, nur mit anderen Mitteln. Ein Facelift, eine Behandlung des Hautbildes oder eine gezielte Faltenbehandlung verändern nicht, wer jemand ist. Sie sollen den Ausdruck lesbar halten, den ein Mensch ohnehin hat. Deshalb ist das erste Gespräch bei uns kein Katalog, sondern eine Frage: Was möchtest Du an Dir wiedererkennen?

Ähnlich beim Körper. Ein Lipödem ist eine Erkrankung, keine Frage der Disziplin, und es wirkt weit über das Körperliche hinaus auf Haltung, Kleidung und Alltag. Auch hier gilt, was die Literatur seit Jahrhunderten vorführt: Der Körper wird gelesen, von anderen und von einem selbst.

Bei BONITAS in Nürnberg arbeiten wir am Kornmarkt, wenige Schritte von den Orten entfernt, an denen diese Stadt ihre Texte geschrieben hat. Unsere Behandlungen folgen medizinischen Standards, unser Blick auf Schönheit einem kulturellen Verständnis: Jeder Mensch ist ein eigener Text, den man sorgfältig lesen sollte, bevor man ein Wort daran ändert.

Fazit: Das Ich im Wandel der Zeit

Von den Meisterliedern eines Hans Sachs über die Schäferdichtung der Pegnitzschäfer und Rückerts orientalische Übertragungen bis zu Kusz‘ fränkischen Dialogen reicht der literarische Bestand Nürnbergs. Alle diese Autoren zeigen dasselbe: Das Ich ist nicht statisch. Es steht in ständigem Dialog mit seiner Zeit, seiner Umgebung und seinem Spiegelbild.

Häufige Fragen zu den Schriftstellern Nürnbergs

Welche bekannten Schriftsteller stammen aus Nürnberg?

Aus Nürnberg stammen unter anderem Hans Sachs (1494 bis 1576), der Barockdichter Georg Philipp Harsdörffer (1607 bis 1658), der Arbeiterdichter Karl Bröger (1886 bis 1944) und der Mundartautor Fitzgerald Kusz (geboren 1944). Hermann Kesten (1900 bis 1996) wuchs in Nürnberg auf. Der Humanist Konrad Celtis und der Chronist Hartmann Schedel prägten das literarische Leben der Reichsstadt, ohne dort geboren zu sein.

Warum spricht man vom „Nürnberger Trichter“?

Die Redewendung geht auf Georg Philipp Harsdörffers Lehrbuch „Poetischer Trichter“ zurück, das 1647 in Nürnberg erschien. Es versprach, die deutsche Dicht- und Reimkunst ohne Umweg über das Lateinische „in VI Stunden einzugießen“. Der Erfolg des Buches machte den Trichter zum Sinnbild für Wissen, das man jemandem einfüllt.

Wo kannst Du in Nürnberg Hans Sachs begegnen?

Am Hans-Sachs-Platz steht sein Denkmal von 1874. Am Weißen Turm zeigt das Ehekarussell von Jürgen Weber sein Gedicht „Das bittersüß eh’lich Leben“ als Brunnenskulptur. Sein Grab befindet sich auf dem Johannisfriedhof, wo auch Albrecht Dürer und Veit Stoß bestattet sind. In Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ von 1868 ist er die Hauptfigur.

Was verbindet Friedrich Rückert mit der Region Nürnberg?

Rückert war von 1826 bis 1841 Professor für orientalische Sprachen an der Universität Erlangen, also unmittelbar im Umland Nürnbergs. In dieser Zeit entstanden zentrale Werke wie „Die Weisheit des Brahmanen“. Geboren wurde er in Schweinfurt, gestorben ist er 1866 auf seinem Gut Neuses bei Coburg.

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