Nürnberg hat für seine Größe eine ungewöhnlich dichte Museumslandschaft. Die zentralen Adressen sind das Germanische Nationalmuseum an der Kartäusergasse, das Albrecht-Dürer-Haus unterhalb der Burg, das Neue Museum für Kunst und Design am Klarissenplatz, das Kaiserburg-Museum in der Kemenate der Burg, das DB Museum und das Museum für Kommunikation im Verkehrsmuseum an der Lessingstraße, das Spielzeugmuseum in der Karlstraße, das Stadtmuseum im Fembo-Haus an der Burgstraße, die Kunsthalle im KunstKulturQuartier sowie zwei Orte der Erinnerungskultur: das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und das Memorium Nürnberger Prozesse. Wer diese Häuser mit einem Blick für Form, Haltung und Proportion durchgeht, sieht mehr als Kunstgeschichte. Er sieht, wie Menschen sich über Jahrhunderte dargestellt, vermessen und gestaltet haben.
„Wer sich im Spiegel der Geschichte betrachtet, erkennt sich selbst – und vielleicht auch den Wunsch nach Veränderung.“
Die Übersicht ordnet die Häuser nach dem, wofür sie stehen:
Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg wurde 1852 auf Initiative des fränkischen Freiherrn Hans von und zu Aufseß gegründet. Der bauliche Kern ist ein spätmittelalterliches Kartäuserkloster mit Kreuzgang, Klosterkirche und Mönchshäusern, das im Lauf der Zeit durch moderne Trakte ergänzt wurde. Der Bestand umfasst heute mehr als 1,3 Millionen Objekte, von denen jeweils nur ein Ausschnitt gezeigt wird.
Zu den bekanntesten Stücken gehören der Behaim-Globus, um 1492 in Nürnberg von Martin Behaim und Georg Glockendon dem Älteren gefertigt und damit die älteste erhaltene Darstellung der Erde in Kugelform, seit 2023 im UNESCO-Weltdokumentenerbe. Dazu kommen Albrecht Dürers monumentale Kaiserbilder von Karl dem Großen und Sigismund, die sogenannte Nürnberger Madonna aus Lindenholz, Werke von Lucas Cranach, Rembrandt, Carl Spitzweg und Ernst Ludwig Kirchner. Die Graphische Sammlung umfasst rund 350.000 Blätter, die Sammlung historischer Musikinstrumente über 3.000 Objekte mit Schwerpunkt bei frühen Tasteninstrumenten.
Vor dem Eingang liegt die Straße der Menschenrechte von Dani Karavan, 1993 fertiggestellt. Auf ihren 27 Säulen steht jeweils die Kurzfassung eines Menschenrechtsartikels. Wer aus dem Museum kommt, geht buchstäblich durch sie hindurch zurück in die Stadt.
Für den Blick auf Form und Körper ist die kulturgeschichtliche Abteilung besonders ergiebig. Skulpturen, Kleidung und Porträts zeigen, wie unterschiedlich Epochen den Körper bewertet haben: asketische Strenge im mittelalterlichen Heiligenbild, gefüllte Rundungen als Wohlstandszeichen im Barock, Korsett und Krinoline als Kleidung, die Haltung und Bewegung erzwingt. Schönheit war nie nur Oberfläche, sondern immer auch sozialer Code und Zeichen der Zugehörigkeit.
Das Albrecht-Dürer-Haus ist das Fachwerkhaus, in dem Dürer von 1509 bis zu seinem Tod 1528 lebte und arbeitete. Es ist eines der wenigen erhaltenen Bürgerhäuser aus Nürnbergs Blütezeit und wird seit 1828 als Museum geführt. Ein Audioguide führt durch die vier Geschosse, in der Werkstatt werden historische Drucktechniken erklärt, und bei einer eigenen Führung übernimmt eine Schauspielerin die Rolle von Dürers Frau Agnes.
Für alle, die sich mit Form und Verhältnis beschäftigen, ist Dürer der eigentliche Grund, hierherzukommen. Seine Vier Bücher von menschlicher Proportion erschienen am 31. Oktober 1528 in Nürnberg bei Hieronymus Andreae, wenige Monate nach Dürers Tod. Darin konstruiert er unterschiedliche Körpertypen über festgelegte Verhältnisse einzelner Glieder zueinander und geht dabei über die antiken Vorbilder hinaus: Er entwickelt Proportionsschemata auch für den weiblichen und den kindlichen Körper, was Vitruv so nicht getan hatte.
Das ist keine Ästhetik im Sinne von Geschmack, sondern Messarbeit. Dürer fragt nicht, was schön ist, sondern welche Verhältnisse ein Körper aufweist. Diese Denkweise, Verhältnis vor Detail, ist bis heute die Grundlage jeder ernsthaften Arbeit an der äußeren Erscheinung.
Das Neue Museum am Klarissenplatz eröffnete im April 2000. Volker Staab hatte den Wettbewerb 1991 gewonnen, unter anderem gegen Daniel Libeskind. Prägend ist die rund hundert Meter lange, konkav geschwungene Fassade aus Stahl und Glas gegenüber der mittelalterlichen Stadtmauer. Auf mehr als 3.000 Quadratmetern zeigt das Haus Kunst und Design von den 1950er Jahren bis heute, die Designabteilung in Kooperation mit der Neuen Sammlung.
Freischwinger, Möbelentwürfe und Gebrauchsgegenstände machen hier sichtbar, wie eine Form entsteht, wenn Funktion, Material und Proportion gleichzeitig stimmen müssen. Wer Ettore Sottsass neben einem nüchternen Stahlrohrstuhl sieht, versteht schnell: eine neutrale Form gibt es nicht.
Die Kaiserburg über der Altstadt besteht im Kern aus Palas, Doppelkapelle, Sinwellturm und Tiefem Brunnen. Die romanische Doppelkapelle entstand um 1200 und besitzt eine Herrscherempore, die dem Reichsoberhaupt direkten Zugang aus den Kaiserzimmern erlaubte. Der Sinwellturm stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, der Tiefe Brunnen wurde weit in den Fels getrieben.
In der Kemenate zeigt seit 1999 das Kaiserburg-Museum, ein Zweigmuseum des Germanischen Nationalmuseums, die Bau- und Wehrgeschichte der Burg mit Stücken aus der Waffensammlung. Rüstungen sind dabei mehr als Militärgeschichte: Sie sind am Körper gebaute Objekte, die Schulterbreite, Taille und Haltung gezielt betonen oder verbergen. Die Idee, eine Silhouette bewusst zu formen, ist also weit älter als jede moderne Mode.
Ein großer Teil der Nürnberger Bildhauerkunst ist bis heute an ihrem ursprünglichen Ort geblieben. In St. Lorenz hängt der Englische Gruß von Veit Stoß, 1517 bis 1518 aus Lindenholz geschnitten und gefasst, im Juli 1518 im Hallenchor aufgehängt. Wenige Meter entfernt steht das Sakramentshaus von Adam Kraft, aus Sandstein gearbeitet und gut zwanzig Meter hoch. In St. Sebald steht das Sebaldusgrab, von Peter Vischer und seinen Söhnen in Bronze geschaffen und mit 72 Figuren besetzt.
Dazu kommt Michael Wolgemut, in dessen Werkstatt Dürer seine Lehre absolvierte. Die Kette Wolgemut, Dürer, Stoß, Kraft, Vischer erklärt, warum Nürnberg um 1500 als Werkstattstadt galt.
Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände liegt im Nordflügel der unvollendeten Kongresshalle. Der Wiener Architekt Günther Domenig gewann den internationalen Wettbewerb und trieb einen Bau aus Glas und Stahl wie einen Pfahl durch die nationalsozialistische Architektur. Nach mehrjähriger Sanierung öffnete das Haus im Mai 2026 wieder vollständig, mit ebenerdigem, barrierefreiem Zugang und einer neu konzipierten Ausstellung.
Das Memorium Nürnberger Prozesse liegt im Justizpalast an der Fürther Straße. Im Saal 600 begann am 20. November 1945 der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Der Saal wurde bis März 2020 weiter als Schwurgerichtssaal genutzt und gehört seitdem zur Dauerausstellung, die im Dachgeschoss des Ostflügels über Vorgeschichte, Verlauf und Folgen der Prozesse informiert.
Das DB Museum an der Lessingstraße wurde 1882 gegründet und gehört zu den ältesten Eisenbahnmuseen überhaupt. Ausgangspunkt der Erzählung ist die erste deutsche Eisenbahnfahrt am 7. Dezember 1835 auf der rund sechs Kilometer langen Strecke von Nürnberg nach Fürth mit der Lokomotive Adler. Im selben Gebäudekomplex, dem Verkehrsmuseum, liegt das Museum für Kommunikation.
Das Spielzeugmuseum in der Karlstraße zeigt auf vier Etagen die Kulturgeschichte des Spielzeugs von der Antike bis heute, von Puppenstuben bis zu Lego, Barbie und Playmobil. Die Puppen der jeweiligen Jahrzehnte sind ein erstaunlich ehrliches Archiv dessen, welche Körperbilder eine Gesellschaft ihren Kindern in die Hand gegeben hat. Das Stadtmuseum im Fembo-Haus an der Burgstraße nutzt ein vollständig erhaltenes Patrizierhaus, dient seit 1953 als Stadtmuseum und liegt gut sichtbar zwischen Hauptmarkt, Rathaus und Burg.
Nach einem Museumstag in Nürnberg bleibt selten ein einzelnes Objekt hängen, sondern eine Art zu schauen: Du achtest plötzlich darauf, wie ein Kinn zum Hals steht, wie eine Schulterlinie eine Silhouette trägt, wie stark Licht ein Hautbild verändert. Genau so wird in der plastischen Chirurgie gearbeitet, zuerst das Verhältnis, dann das Detail.
Die Praxis BONITAS liegt am Kornmarkt, wenige Schritte vom Germanischen Nationalmuseum entfernt. Wer sich hier beraten lässt, spricht nicht über ein Ideal, sondern über die eigene Anatomie: über Proportionen, die schon da sind, und darüber, was medizinisch sinnvoll und was schlicht nicht angezeigt ist. Ein ehrliches Gespräch endet manchmal mit dem Rat, nichts zu tun. Dürer hat den Körper vermessen, weil er ihn verstehen wollte, nicht weil er ihn korrigieren wollte. Diese Reihenfolge ist bis heute die richtige.
Wenn Du nur Zeit für ein Haus hast, ist das Germanische Nationalmuseum an der Kartäusergasse der sinnvollste Einstieg: Es deckt die Kulturgeschichte des deutschsprachigen Raums ab und zeigt mit dem Behaim-Globus und Dürers Kaiserbildern zentrale Stücke. Für einen zweiten Tag bieten sich das Albrecht-Dürer-Haus und die Kaiserburg an, beide fußläufig im selben Viertel.
Dürer lebte von 1509 bis zu seinem Tod 1528 im Fachwerkhaus an der Albrecht-Dürer-Straße unterhalb der Kaiserburg. Es wird seit 1828 als Museum geführt und zeigt Wohn- und Arbeitsräume sowie eine Druckwerkstatt.
Der Behaim-Globus entstand um 1492 in Nürnberg durch Martin Behaim und Georg Glockendon den Älteren und gilt als die älteste erhaltene Darstellung der Erde in Kugelform. Er wird im Germanischen Nationalmuseum gezeigt und wurde 2023 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen.
Drei Hauptwerke stehen in den Kirchen der Altstadt: der Englische Gruß von Veit Stoß und das Sakramentshaus von Adam Kraft in St. Lorenz sowie das Sebaldusgrab von Peter Vischer und seinen Söhnen in St. Sebald. Vor dem Germanischen Nationalmuseum liegt zudem die begehbare Straße der Menschenrechte von Dani Karavan.