Poland-Syndrom: Ursachen, Merkmale und moderne Behandlungsmöglichkeiten

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Medizinisch geprüft und verfasst von:
Alejandro Martí – Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie (DE & ES)
Letzte Überprüfung: Mai 2026

Das Poland-Syndrom ist eine seltene angeborene Fehlbildung, bei der der große Brustmuskel (Musculus pectoralis major) auf einer Körperseite ganz oder teilweise fehlt. Häufig sind zusätzlich die Brustdrüse, die Brustwarze und der Warzenhof auf derselben Seite unterentwickelt, und in manchen Fällen kommen Anomalien der Hand oder der Rippen hinzu. Das Syndrom ist nicht heilbar im Sinne einer Beseitigung der Ursache, lässt sich aber mit plastisch-chirurgischen Verfahren gut behandeln, sodass eine deutliche Verbesserung von Form, Symmetrie und Lebensqualität erreichbar ist. In diesem Beitrag erklären wir, was das Poland-Syndrom genau ist, wie es entsteht, wie es diagnostiziert wird und welche Behandlungswege heute zur Verfügung stehen.

Was ist das Poland-Syndrom?

Das Poland-Syndrom beschreibt eine angeborene, meist einseitige Fehlanlage der Brustwand. Im Zentrum steht das Fehlen oder die Unterentwicklung des sternokostalen Anteils des großen Brustmuskels. Dieser Muskel gibt der vorderen Brustwand ihre Kontur und unterstützt Bewegungen des Arms und der Schulter. Fehlt er, entsteht eine sichtbare Asymmetrie: Die betroffene Seite wirkt flacher, die vordere Achselfalte kann fehlen, und die Brust sitzt oft höher oder kleiner.

Benannt ist die Erkrankung nach dem englischen Chirurgen Alfred Poland, der die anatomische Konstellation 1841 erstmals dokumentierte. Wichtig zu verstehen ist, dass das Poland-Syndrom kein einheitliches Krankheitsbild mit immer gleichem Erscheinungsbild ist, sondern ein Spektrum. Bei manchen Betroffenen fällt lediglich eine leichte Seitendifferenz auf, bei anderen sind Muskel, Brustdrüse, Rippen und Hand gemeinsam betroffen.

Wie häufig ist das Poland-Syndrom?

Das Poland-Syndrom gehört zu den seltenen Fehlbildungen. In der medizinischen Literatur wird die Häufigkeit meist mit etwa einem Fall auf 20.000 bis 30.000 Geburten angegeben. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen, und in den meisten Fallserien überwiegt die rechte Körperseite.

Da leichte Ausprägungen oft erst in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter auffallen, ist die tatsächliche Häufigkeit vermutlich etwas höher als die dokumentierte. Viele Menschen mit einer sehr milden Form bemerken die Asymmetrie erst, wenn sich Brust und Muskulatur in der Entwicklung deutlicher ausprägen.

Das Spektrum der Merkmale

Das Poland-Syndrom kann mehrere Strukturen der Brustwand und gelegentlich der oberen Extremität betreffen. Welche Merkmale auftreten und wie stark sie ausgeprägt sind, ist von Person zu Person sehr unterschiedlich.

Brustmuskulatur

Das Leitmerkmal ist das Fehlen oder die Unterentwicklung des sternokostalen Anteils des Musculus pectoralis major. In einem Teil der Fälle ist auch der kleine Brustmuskel (Musculus pectoralis minor) betroffen. Daraus kann eine fehlende vordere Achselfalte resultieren. Funktionell sind die meisten Betroffenen erstaunlich gut kompensiert, weil benachbarte Muskeln einen Teil der Aufgaben übernehmen.

Brustdrüse und Brustwarze

Auf der betroffenen Seite kann die Brustdrüse unterentwickelt (Hypoplasie) sein oder vollständig fehlen (Aplasie). Häufig sind auch Brustwarze und Warzenhof betroffen: Sie können kleiner, heller pigmentiert oder höher und weiter außen positioniert sein. Bei Frauen wird die Asymmetrie mit der Brustentwicklung in der Pubertät oft deutlicher sichtbar.

Rippen und Brustwand

Bei stärkerer Ausprägung können einzelne Rippen oder Rippenknorpel fehlgebildet sein. In seltenen, ausgeprägten Fällen kann dies die Stabilität der Brustwand betreffen und eine fachübergreifende Beurteilung erforderlich machen.

Hand und Arm

Ein Teil der Betroffenen weist Anomalien der gleichseitigen Hand auf, etwa verkürzte Finger oder eine teilweise Verwachsung der Finger. Diese Kombination aus Brustwand- und Handveränderung ist ein typisches, wenn auch nicht zwingendes Merkmal des Syndroms.

Ursachen: Warum entsteht das Poland-Syndrom?

Das Poland-Syndrom tritt in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sporadisch auf. Das bedeutet: Es entsteht ohne erkennbare Vererbung, und in der Regel liegt kein Fehlverhalten der Eltern während der Schwangerschaft vor. Familien sollten wissen, dass sie das Syndrom nicht verschuldet haben.

Die am breitesten akzeptierte Erklärung ist die Theorie einer vaskulären Störung in der frühen Embryonalentwicklung. Man geht davon aus, dass es um die sechste Schwangerschaftswoche zu einer vorübergehenden Minderdurchblutung im Bereich der sich entwickelnden Brustwand kommt, etwa durch eine Unterbrechung im Stromgebiet der Arteria subclavia. Strukturen, die in dieser Phase auf eine ausreichende Durchblutung angewiesen sind, entwickeln sich dann unvollständig. Das erklärt, warum Muskel, Brustdrüse und Hand auf derselben Seite gemeinsam betroffen sein können und warum die Ausprägung so variabel ist.

Seltene familiäre Häufungen sind beschrieben, sind aber die Ausnahme. Insgesamt ist das Poland-Syndrom in den allermeisten Fällen ein einmaliges, nicht vererbtes Ereignis.

Wie wird das Poland-Syndrom diagnostiziert?

Die Diagnose ist in erster Linie eine klinische Diagnose. Die typische Konstellation aus fehlender vorderer Achselfalte, einseitig flacher Brustwand und Unterentwicklung von Brustdrüse und Brustwarze ist für erfahrene Behandler gut erkennbar.

Zur genaueren Beurteilung des Ausmaßes können bildgebende Verfahren ergänzt werden. Ein MRT zeigt Muskulatur und Weichteile detailliert und hilft bei der Operationsplanung. Bei Verdacht auf Beteiligung der Rippen kann eine CT der Brustwand sinnvoll sein. Bestehen Hand- oder Armveränderungen, werden diese gesondert untersucht. Ziel der Diagnostik ist nicht nur die Bestätigung des Syndroms, sondern eine genaue Karte der betroffenen Strukturen als Grundlage für einen individuellen Behandlungsplan.

Funktionelle und ästhetische Auswirkungen

Bei den meisten Betroffenen steht die ästhetische Komponente im Vordergrund. Die sichtbare Asymmetrie der Brustwand, der Brust und der Brustwarze kann das Körperbild deutlich beeinflussen. Funktionell sind die Auswirkungen oft geringer als erwartet, weil der Körper das Fehlen des Brustmuskels gut kompensiert. Sport und Alltag sind in der Regel uneingeschränkt möglich.

In ausgeprägten Fällen mit Beteiligung von Rippen und Brustwand kann jedoch auch eine funktionelle oder stabilisierende Fragestellung im Vordergrund stehen. Hier ist es wichtig, ehrlich zwischen einem ästhetisch-rekonstruktiven Anliegen und einer thoraxchirurgischen Fragestellung zu unterscheiden, da sich daraus unterschiedliche Behandlungswege ergeben.

Behandlungsmöglichkeiten für Brust und Brustwand

Die Behandlung des Poland-Syndroms ist immer individuell. Welches Verfahren infrage kommt, hängt vom Ausmaß der Fehlbildung, vom Geschlecht, vom Alter und von den persönlichen Zielen ab. Es geht nicht darum, ein fehlendes Bauteil zu ersetzen, sondern darum, Form und Symmetrie so weit wie möglich anzugleichen.

Eigenfett-Transfer (Lipofilling)

Beim Lipofilling wird körpereigenes Fett aus einer anderen Region entnommen, aufbereitet und in den unterentwickelten Bereich der Brustwand eingebracht. Das Verfahren eignet sich gut für moderate Volumendefizite und zur Feinmodellierung der Kontur, etwa zum Auffüllen der Region unterhalb des Schlüsselbeins. Oft sind mehrere Sitzungen nötig, da ein Teil des transplantierten Fetts vom Körper wieder abgebaut wird. Der Vorteil liegt im natürlichen Gewebe und in den meist unauffälligen Narben.

Implantate und Expander

Bei deutlicherem Volumendefizit kann ein Implantat die Brust oder die Brustwandkontur angleichen. Reicht die vorhandene Weichteildecke nicht aus, kann zunächst ein Gewebeexpander eingesetzt werden, der über Wochen schrittweise aufgefüllt wird, um die Haut zu dehnen, bevor ein endgültiges Implantat folgt. Diese Strategie ist besonders bei stärker ausgeprägten Formen relevant.

Maßgefertigte Implantate

Für ausgeprägte Konturdefekte der Brustwand, vor allem wenn Muskel und knöcherne Strukturen betroffen sind, können individuell angefertigte Implantate eingesetzt werden, die auf Basis bildgebender Daten geformt werden. Sie füllen den knöchern-muskulären Defekt aus und stellen die äußere Kontur wieder her. Dieser Ansatz wird häufig in spezialisierten Zentren und interdisziplinär geplant.

Eigengewebe-Verfahren (Lappenplastiken)

Bei sehr ausgeprägten Befunden, etwa bei vollständigem Fehlen von Muskel und Brustdrüse, kann körpereigenes Gewebe von einer anderen Körperstelle verlagert werden, um Volumen und Kontur wiederherzustellen. Eigengewebe-Rekonstruktionen sind technisch anspruchsvoll und werden sorgfältig gegen weniger eingreifende Verfahren abgewogen.

Unterschiede bei Frauen und Männern

Bei Frauen steht meist die Symmetrisierung der Brust im Mittelpunkt. Hier können Verfahren der gegenseitigen Brust kombiniert werden, etwa eine Angleichung über eine Brustvergrößerung mit Implantaten oder eine Bruststraffung, um beide Seiten in Form und Höhe einander anzunähern. Auch die Korrektur einer begleitenden Formstörung wie einer tubulären Brust kann Teil des Konzepts sein. Bei Männern geht es eher um die Wiederherstellung einer harmonischen Brustkontur und der vorderen Achselfalte, häufig über Lipofilling oder eine Konturmodellierung.

Der richtige Zeitpunkt für eine Behandlung

Ein zentraler Grundsatz ist, dass formgebende Eingriffe in der Regel erst nach Abschluss des Körperwachstums und der Brustentwicklung sinnvoll sind. Vorher verändert sich die Ausgangslage noch, und ein Ergebnis ließe sich nicht stabil planen.

Das bedeutet nicht, dass man bis dahin nichts tun kann. Eine frühzeitige Vorstellung, Aufklärung und Begleitung ist wichtig, auch um Betroffene und Familien zu informieren und den richtigen Zeitpunkt gemeinsam festzulegen. Bei Jugendlichen wird der Behandlungsbeginn individuell mit der körperlichen und psychischen Entwicklung abgestimmt.

Die psychische Dimension, besonders in der Jugend

Eine sichtbare Asymmetrie der Brust kann das Selbstbild stark beeinflussen, gerade in der Pubertät, in der der Körper ohnehin im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Viele Betroffene berichten von Unsicherheit beim Sport, beim Schwimmen oder in Beziehungen.

Diese Belastung ernst zu nehmen ist Teil einer guten Behandlung. Eine offene Aufklärung über das Spektrum der Möglichkeiten, realistische Erwartungen und bei Bedarf eine psychologische Begleitung gehören dazu. Ziel ist nicht ein perfekter Körper, sondern ein Ergebnis, mit dem sich Betroffene wohler und freier fühlen.

Multidisziplinäre Versorgung

Das Poland-Syndrom kann mehrere Fachgebiete berühren. Während die plastisch-chirurgische Behandlung der Brust- und Brustwandkontur klar im Bereich der plastischen Chirurgie liegt, können ausgeprägte Befunde mit Beteiligung von Rippen oder Brustwandstabilität die Einbindung der Thoraxchirurgie erfordern. Bei Handveränderungen ist die Handchirurgie gefragt, bei Jugendlichen ergänzend die Kinder- und Jugendmedizin sowie psychologische Unterstützung.

Eine ehrliche, fachübergreifende Planung stellt sicher, dass jeder Aspekt von der richtigen Spezialdisziplin beurteilt wird, statt alles in einer Hand zu erzwingen.

Wann Sie ärztlichen Rat suchen sollten

Sinnvoll ist eine fachärztliche Vorstellung, wenn Ihnen eine deutliche, einseitige Asymmetrie der Brust oder der Brustwand auffällt, wenn die vordere Achselfalte auf einer Seite fehlt, wenn Brust oder Brustwarze einseitig sehr unterschiedlich entwickelt sind oder wenn zusätzlich Veränderungen an Hand oder Fingern bestehen.

Auch wenn keine funktionellen Beschwerden vorliegen, ist ein Beratungsgespräch sinnvoll, um Klarheit über die Diagnose zu bekommen, das Ausmaß einordnen zu lassen und gemeinsam zu überlegen, ob und wann eine Behandlung infrage kommt. Bei Jugendlichen kann ein frühzeitiges Gespräch helfen, Unsicherheit zu nehmen und den passenden Zeitpunkt zu planen.

Behandlung bei BONITAS

In unserer Praxis im Herzen von Nürnberg behandeln wir den ästhetisch und plastisch-chirurgischen Teil des Poland-Syndroms: die Angleichung der Brust- und Brustwandkontur, die Symmetrisierung der Brust bei Frauen und die Konturwiederherstellung bei Männern. Wir arbeiten dabei je nach Befund mit Eigenfett-Transfer, Implantaten, Expandern und Konzepten zur Symmetrisierung der gegenseitigen Brust.

Jede Behandlung beginnt mit einem ausführlichen Gespräch und einer genauen Untersuchung. Wir nehmen uns Zeit, das individuelle Ausprägungsmuster zu verstehen, realistische Erwartungen zu besprechen und einen Plan zu entwickeln, der zu Ihrem Alter, Ihren Zielen und Ihrer Lebenssituation passt.

Wir sind dabei ehrlich über die Grenzen unseres Fachgebiets: Ausgeprägte Befunde mit Beteiligung von Rippen, Brustwandstabilität oder funktionellen thoraxchirurgischen Fragestellungen gehören in eine interdisziplinäre Versorgung. In solchen Fällen ordnen wir das Anliegen ein und empfehlen die Anbindung an die passenden Fachdisziplinen, statt mehr zu versprechen, als in unserem Bereich sinnvoll ist.

Die operativen Eingriffe führt Alejandro Marti durch, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie mit doppelter Facharztanerkennung in Deutschland und Spanien und über 1.000 operativen Eingriffen. BONITAS, Kornmarkt 4, 90402 Nürnberg.

Häufige Fragen

Ist das Poland-Syndrom heilbar?

Die zugrunde liegende Anlagestörung lässt sich nicht rückgängig machen. Das Erscheinungsbild ist aber gut behandelbar: Mit plastisch-chirurgischen Verfahren lassen sich Form und Symmetrie deutlich verbessern.

Ist das Poland-Syndrom vererbbar?

In den allermeisten Fällen tritt es sporadisch auf und ist nicht vererbt. Seltene familiäre Häufungen sind beschrieben, bilden aber die Ausnahme.

Haben die Eltern etwas falsch gemacht?

Nein. Nach heutigem Verständnis entsteht das Poland-Syndrom durch eine vorübergehende Durchblutungsstörung in der frühen Embryonalentwicklung. Ein Fehlverhalten der Eltern ist nicht die Ursache.

Welche Körperseite ist häufiger betroffen?

In den meisten Fallserien überwiegt die rechte Seite. Grundsätzlich kann aber jede Seite betroffen sein, und es handelt sich fast immer um eine einseitige Fehlbildung.

Ab welchem Alter kann behandelt werden?

Formgebende Eingriffe sind in der Regel nach Abschluss von Wachstum und Brustentwicklung sinnvoll. Eine frühere Vorstellung zur Beratung und Planung ist trotzdem hilfreich.

Welche Behandlung ist die richtige für mich?

Das hängt vom Ausmaß der Fehlbildung, vom Geschlecht und von Ihren Zielen ab. Infrage kommen unter anderem Eigenfett-Transfer, Implantate, Expander und Konzepte zur Symmetrisierung. Die Auswahl erfolgt individuell nach Untersuchung und Beratung.

Schränkt das Poland-Syndrom Sport und Alltag ein?

Bei den meisten Betroffenen kompensiert der Körper das Fehlen des Brustmuskels gut, sodass Sport und Alltag in der Regel uneingeschränkt möglich sind. Bei ausgeprägten Formen kann eine fachübergreifende Beurteilung sinnvoll sein.

Bleibt das Ergebnis einer Operation dauerhaft?

Wird ein formgebender Eingriff nach Abschluss der Entwicklung geplant, ist das Ergebnis grundsätzlich stabil. Beim Eigenfett-Transfer können mehrere Sitzungen nötig sein, da ein Teil des Fetts vom Körper abgebaut wird.

Werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen?

Das ist eine Einzelfallentscheidung und hängt von Ausprägung und Fragestellung ab. Eine genaue Klärung ist Teil des Beratungsgesprächs.

Behandelt BONITAS alle Aspekte des Poland-Syndroms?

Wir übernehmen den ästhetisch und plastisch-chirurgischen Teil, also die Brust- und Brustwandkontur. Ausgeprägte thoraxchirurgische oder funktionelle Aspekte gehören in eine interdisziplinäre Versorgung, in die wir bei Bedarf weiterleiten.

Weiterführende Artikel und Behandlungen

Literatur & wissenschaftliche Quellen

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